Wie geht es dir?

Vier Worte, die vor allem auch im Englischen oft nur als Floskel verwendet werden. Das fragt man halt. Eigentlich fragt man nicht, man sagt sie, diese Worte. Ohne sich wirklich für die Antwort zu interessieren, ohne sie abzuwarten, denn schon ist man gedanklich weiter, oder man hat sich sogar physisch längst distanziert. Nun ist zur Zeit physische Distanzierung angesagt und die Karten haben sich gewendet: wir interessieren uns plötzlich dafür, wie es den anderen geht. „Wie geht es dir?“ wird zur ernst gemeinten Frage, deren Antwort man abwartet, anhört.

„Wie geht es dir?“, fragt die Dame hinter der Theke in der Bäckerei und lässt sich wirklich auf eine Konversation ein. Sie erzählt, dass alle in ihrem Umfeld arbeitslos sind und dass sie sehr froh ist, ihren Job noch zu haben. Der Umsatz sei zwar stark zurück gegangen, aber noch hält sie Stellung.

„Wie geht es dir?“, fragt die Freundin am Telefon. Sonst schreiben wir uns hin und wieder kurze Nachrichten auf Whatsapp – jetzt ruft sie an, nimmt sich Zeit, will wissen, wie es mir wirklich geht, wie ich klarkomme.

„Wie geht es dir?“, ruft die Verwandte, die ich in den letzten 4 Wochen öfters gesehen habe als in den letzten 4 Jahren. Meist beim Erledigen von „Nummer 4„ auf der Liste der von der Regierung erlaubten Gründe zum Verlassen des Hauses: beim Spazierengehen. Wir bleiben jeweils auf der gegenüberliebenden Straßenseite stehen und tauschen uns aus.

 „guten morgen, wie geht’s so? ,

schreibt eine Arbeitskollegin. An unserem Projekt können wir im Moment nicht weiter arbeiten, da es sich um eine Veranstaltung handelt, die bis auf weiteres verschoben ist. 

„hier zappeln zwischen gut und böse, zwischen wohlbefinden und ungeduld. es entscheidet sich meist von selbst, ohne mein zutun. hope to see you soon, ich habe echt sehnsucht nach dem Ort, in dem du wohnst.“ „Bei uns fließt der Rhein so“,

schreibt sie noch unter das mitgeschickte Bild. Ein graues Bild vom Rhein.

Ich antworte:

„dankbar: die sonne scheint, wir haben ein kleines, feines häuschen mit Garten, meine nachbarn kommunizieren über den Gartenzaun, ich bin in 10 Minuten zu fuss in der natur, die kinder und ich, wir reden mehr miteinander und wir reden NOCH miteinander, ich habe die arbeit und diese sache kann ich als Herausforderung sehen. 

zum K***: 

  • das system schule und einzelne lehrer*innen – problemsucher*innen anstatt lösungsfinder*innen rauben energie. 
  • politiker*innen, die an stimmenprozente und nicht menschlichkeit denken und in ihrem geistigen auge bilder aus griechenland mit bildern von „korrekt“ angekreuzten wahlzetteln verdrängen. 
  • keine UMARMUNGEN!!! „

Mit dieser Kollegin arbeite ich an einem Theaterprojekt, das das Leben in einem Teil unseres Dorfes darstellen soll. Hätte der Autor die Recherchen erst jetzt begonnen, so wären die auswendig zu lernenden Textpassagen und Dialoge wohl anders ausgefallen. Das Theater handelt davon, wie wir in diesem Ortsteil miteinander leben, was das Leben hier prägt. In der neuen Version würde es wohl ebenfalls um das Miteinander gehen, aber hin und wieder würden wir uns die Frage stellen: „Wie geht es dir?“, diese ernsthaft beantworten und uns freuen, dass sich das gegenüber Zeit nimmt, zuzuhören.

Wir kehren zurück zur Bedeutung der Worte, die wir aussprechen. Wir überlegen uns, welche Fragen wir stellen. Wir nehmen uns Zeit, zuzuhören. Wir formulieren unsere Antworten ehrlich. Wir telefonieren nicht, wir machen Video-Chats, weil wir uns sehen wollen. Anstatt auf dem Sofa zu sitzen und in den sozialen Medien zu lesen, was der Nachbar gerade kocht, wie wunderbar alles beim Home Schooling klappt und wie klug seine Hunde sind, reden wir über den Gartenzaun, der für physische Distanzierung ideal ist und uns nicht vergessen lässt, was wir dürfen und was nicht. Keine retuschierten Fotos, das wahre ich. Kein „so tun also ob“, denn es steht einem ins Gesicht geschrieben, wie der heutige Tag ablief – Make-up ist schließlich im Home Office nicht so wichtig. Keine Distanzierung,  denn man freut sich über die Nähe. Und für einen Augenblick vergisst man die Funktion des Gartenzauns und genießt die Nähe, die Umarmung in Form des Zeitnehmens. Wir nehmen uns wieder Zeit. Und vielleicht nehmen wir dieses Sich-Zeit-Nehmen mit in die Zukunft.


Hast du Zeit?

veröffentlicht im April 2020 auf umbruch.at

1, 2 oder 3? Oder 4? Oder 5? Oder gar nichts von all dem?

Können wir Erwachsenen alles SEHR GUT? Ist es nicht gut genug, wenn wir alles befriedigend können und in den Bereichen, die uns besonders liegen, gut oder gar sehr gut sind? Manchmal sogar ausgezeichnet?

Mir reicht es, dass ich genügend gut bügeln kann. Flecken aus Kleidung entfernen – nicht genügend. Kochen – gut, bestimmte Gerichte sehr gut, niemals ausgezeichnet. „Nusstorte Annelies“ – kann ich sehr gut backen. Da ich mich gerne mit Freund*innen zum Kaffee treffe ist es förderlich, dass ich beim Backen besser als beim Flecken entfernen bin. Meine Mama wiederum ist die Königin aller Fleckenentfernerinnen. Ich würde ihr ein „sehr gut“ geben. Die Schmutzwäsche mit den hartnäckigen Flecken geht also zu ihr. Sie wiederum gibt mir den Auftrag, ihre Karten zu entwerfen, die sie zu Weihnachten an Freunde und Familie schickt. Sie kann das sehr wohl befriedigend gut, mag aber meinen „Touch“ und findet, dass ihre Karten dann zum SEHR GUT avancieren. Und so ist es im Leben. Wir arbeiten miteinander und haben die Wahl: Will ich besser bügeln lernen oder hole ich mir Hilfe? Will ich mit jemandem meine Fähigkeiten teilen oder sitze ich ganz alleine mit „Nusstorte Annelies“ am Esstisch bis mir schlecht wird?

Mein Vater glänzte in der Schule auch nicht immer. Jetzt interessiert er sich aber sehr für die Noten der Kindeskinder. “Hattet ihr in letzter Zeit eine Schularbeit? Was hattest du für Noten? Für jeden Einser bekommst du 10€!”, wird die Enkelin von Opa begrüßt. Die Teenagerin antwortet nur mit einem altersentsprechenden Grunzen: “Mann, Opa….“, das bringt sie gerade noch über die Lippen. Am Schulschluss ist es dasselbe. Opa, der selbst immer erzählt, dass er die Handelsschule mit einem 4er in Schriftverkehr und einem 4er in Mathe abgeschlossen hat, möchte seine Enkel monetarisch für ihre Schulleistung belohnen. „Wie viele 1er hast du im Zeugnis?“, fragt er, während er gleichzeitig gerne seine Schulgeschichte erzählt. Die Geschichte von seinen zwei 4ern, und wie er dann einen guten Job bekommen hat, weil seinem Chef die Noten egal waren, weil sein Chef an ihn geglaubt hat.

„Opa fragt mich nie, wie es mir geht. Er will immer nur wissen, was ich für Noten habe.“, beschwert sich besagte Teenagerin bei mir. Ich höre sie, sie will sich nicht mit Zahlen von 1-5 definieren. Dabei ist sie sehr gut in der Schule und könnte Opa ausnehmen. Sie verweigert aber die Auskunft – und das trotz notirischer Geldnot.

Als mein Zweitgeborener in die Volksschule kommt wird beim ersten Elternabend abgestimmt, ob wir Eltern ein Zeugnis mit Ziffernnoten oder eines mit schriftlicher Beurteilung möchten, einen Schulbericht also. Die Abstimmung verläuft einstimmig. In dieser Klasse möchte kein Elternteil Noten. Es wäre auch OK, wenn jemand das wollte. Denn jeder darf seine Meinung äußern, jeder darf das vorbringen, was in seinen/ihren Augen für das eigene Kind am besten ist. Für mich war die Entscheidung einfach. Jetzt kommt wieder der Opa ins Spiel. Die Enkelin bekommt ein „normales“ Zeugnis, der Enkel einen Schulbericht. Beide gehen in die gleiche Schulstufe. „Was soll ich jetzt tun?“, fragt er überfordert, „wie viel Geld soll ich ihm geben? Er hat ja keine Noten!“ „Lies, was im Bericht über deinen Enkel steht. Frag ihn, wie es ihm in der Schule geht, was er gut kann, was er noch lernen möchte. Das sagt mehr aus, als alles andere.“ Opa gehorcht und vergütet dann Zeugnis und Schulbericht in gleicher Höhe.

Meinen Kindern möchte ich mit auf den Weg geben, dass es im Leben unterschiedliche Lösungswege gibt, dass man sich für und gegen Dinge entscheiden kann. Dass man mit anderen über diese verschiedenen Wege reden, sich informieren, ein Bild machen und dann eine Entscheidung treffen kann. Möglichkeiten aufzeigen und kreieren, nicht vorgegebene starre Strukturen akzeptieren.

Im W*ORT sind wir in der glücklichen Situation, dass wir weder Rotstifte verwenden noch Zeugnisse schreiben müssen. Was wir aber tun ist die Kinder dabei zu unterstützen, zu mündigen Erwachsenen heranzuwachsen. 

Lasst uns für Wahlfreiheit stimmen. Lasst uns nicht vorgeschrieben bekommen, dass wir Noten geben MÜSSEN. Lasst uns bestimmen können, ob wir Noten geben wollen.

veröffentlicht Jänner 2020 auf www.w-ort.at